CfP: Das Plattenlabel Amiga – Geschichte und Erinnerung; Deadline: 1. März 2027

Interdisziplinäre Tagung, Lippmann+Rau-Musikarchiv, Eisenach, 1. und 2. Oktober 2027

Populäre Musik erschien in der DDR auf Tonträgern ausschließlich unter einem Etikett: Amiga. Längst aber steht Amiga nicht mehr nur für das Label, das eine Abteilung des VEB Deutsche Schallplatten war. Vielmehr ist Amiga zum bisweilen nostalgischen Symbol für populäre Musik der DDR geworden. Die bei Amiga erschienene Musik lässt sich einerseits in einen politischen und ökonomischen Kontext stellen; das betrifft etwa die Vorgabe, dass auf Deutsch gesungen werden musste, oder die vergleichsweise niedrige, auf Ressourcenknappheit zurückgehende Auflagenhöhe. Andererseits prägte sie die Alltagswelt der Menschen in der DDR über Generationen hinweg und wird von vielen bis heute als der „Sound des Ostens“ rezipiert. In der gegenwärtigen Kultur- und Medienlandschaft findet sich das Label an vielen Stellen wieder, so etwa in der MDR-Dokumentation „AMIGA – Der Sound der DDR“ oder im Musical am Boulevardtheater Dresden „Die Legende vom heißen Sommer“, untertitelt als „Ein Stück Osten mit den größten AMIGA-Hits“. Kulturelle Erzeugnisse wie diese zeugen nicht nur von der anhal tenden Aktualität des Amiga-Repertoires, sie sind auch Ausdruck einer lebendigen Erinnerungskultur.

Die interdisziplinäre Tagung möchte Wissenschaftler*innen mit aktuellen Forschungsvorhaben zur Musik-, Kultur- und Mediengeschichte der DDR und zu gegenwärtigen Formen des kollektiven Erinnerns an die populäre Musik der DDR zusammenbringen. Darüber hinaus sollen praktische Perspektiven, etwa zur Kuratierung populärer Musik aus der DDR, Berücksichtigung finden.

Die Erinnerung an das Amiga-Repertoire wird heute in mannigfaltigen Formen wachgehalten. Neben den bereits genannten medialen und theatralen Inszenierungen umfasst dies etwa Tourneen und Auftritte der Musikschaffenden, die auf Amiga erschienen sind, Musikfestivals, private Tonträgersammlungen, ein Museum (Ostrockmuseum Kröpelin), Ausstellungen, Web sites sowie die Verwahrung von Produktionsunterlagen in öffentlichen Archiven. So konnte mit den Amiga-Karteikarten im Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach und den Produktionsunterlagen des ehemaligen Amiga-Redakteurs Volkmar Andrä am Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg bedeutsames Quellenmaterial zur Musikproduktion in der DDR gesichert werden. Durch solche internen Dokumente eröffnen sich neue Perspektiven für die Forschung zu populären Musikformen in der DDR. Neben Fragen der Entwicklung von Solokünstler*innen und Bands, der Repertoirebildung und der Vermarktung in einem planwirtschaftlichen Kontext lassen sich dadurch in einem umfassenderen Sinne Fragen zur Eingriffs tiefe des Politischen in ästhetischen Prozessen adressieren. Insgesamt informiert Amiga als Gegenstand historischer Forschung darüber, wie Produktionen initiiert und gesteuert wurden, wo und in welcher Personenkonstellation aufgenommen wurde und welche künstlerisch-technischen Faktoren den Sound bestimmten. Als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung im Schnittfeld Erinnerung – Gedächtnis – Kulturerbe wiederum öffnet das Label den Blick für musikalische Kanonisierungsprozesse, das Ringen um kulturelle Deutungshoheit und die Verteilung von Diskursmacht sowie für Prozesse der kollektiven Identitätsbildung. Amiga steht in diesem Sinne beispielhaft dafür, wie in Erinnerungspraktiken Vorstellungen von Vergangen heit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschränkt und in den Dienst gesellschaftlicher Anliegen gestellt werden.

Die Tagung nimmt ausgehend vom Plattenlabel Amiga vergangene und aktuelle Phänomene im Zusammenhang mit der Produktion populärer Musik in der DDR in den Blick. Sie versteht Amiga darüber hinaus als ökonomischen Akteur, der international vernetzt war, vor allem mit Labels in den „sozialistischen Bruderländern“. Ausdrücklich erwünscht sind daher auch Bei träge zu Feldern der Musikproduktion dort sowie Beiträge zu innerdeutschen und transnatio nalen Kooperationen. Ebenso richtet sich der Blick auf musikalische Produktions- und Erfah rungswelten in Ostdeutschland und den Ländern Mittel- und Osteuropas von der gesellschaft lichen Transformationsphase nach 1989 bis zur Gegenwart. Fragen hierzu beziehen sich etwa auf den Grad und die Facetten der Neuausrichtung in den musikproduzierenden und -verbreitenden Medienindustrien.

Allgemein können folgende Themen adressiert werden:

  • Genres der populären Musik in der DDR

  • Ästhetische Merkmale der populären Musik bzw. des Songwritings und der Musikproduktion in der DDR

  • Labels als Instanzen der Formatierung kreativer Prozesse (Lektorat, Redaktion)

  • Medien und Institutionen übergreifende Zusammenhänge (Musik in Radio, Fernsehen und Film)

  • Politisch-ideologische Aspekte der Musikproduktion

  • Innerdeutsche und transnationale Kooperationen

  • Kreative Musikpraktiken in der DDR abseits staatlicher Medieninstitutionen

  • Bedeutung populärer Musik in Ostdeutschland von der Nachwendezeit bis zur Gegenwart

  • Amiga-Veröffentlichungen als Mittel kollektiver Identitätsbildung

  • Populäre Musik und Nostalgie resp. „Ostalgie“

  • Musikalische Produktionskulturen in den Ländern Mittel- und Osteuropas während des Kalten Krieges

  • Kuratorische Praktiken im Umgang mit Amiga-Veröffentlichungen (private Sammlungen, Ausstellungen, Websites etc.)

  • Wiederauflagen und Lizenzierungen von Amiga-Veröffentlichungen und deren Rezeption

Die Tagung wird veranstaltet vom Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, dem Lippmann+Rau-Musikarchiv Eisenach und dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Keynote-Speaker sind Tom Koltermann, Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung Potsdam, und Michael Rauhut, Universität Agder, Kritiansand/Norwegen.

Die Vorträge können auf Deutsch und Englisch gehalten werden; die Tagungssprache ist Deutsch.

Beitragsvorschläge von maximal 300 Wörtern in Deutsch oder Englisch sind mit kurzen Anga ben zur Person (max. 100 Wörter) bis zum 1. März 2027 einzureichen bei:

PD Dr. Christofer Jost (Universität Freiburg) christofer.jost[at]zpkm.uni-freiburg.de

Prof. Dr. Martin Pfleiderer (HfM Weimar) martin.pfleiderer[at]hfm-weimar.de

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