CfP: Rap & Geschlecht II (Reihe HipHop Studies) Deadline: 15.12.2026

Sammelband „Rap & Geschlecht II“
Heidi Süß (Berliner Institut für Popkultur- und Rap-Forschung; International University of Applied Sciences Baunschweig)
Penelope Braune (Humboldt-Universität zu Berlin; Universität Bern)

Call for Papers
RAP & GESCHLECHT II
Reihe HipHop Studies, Beltz Juventa

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Im Jahr 2026 ist Rap die Gegenwartskultur überhaupt. Ob Politik, Wirtschaft, Literatur, Sport-, Lifestyle- oder Modebranche, Ernährungsindustrie, Kinoleinwand-, Kultur- und natürlich Musikindustrie oder Sprache: Kaum ein gesellschaftliches Feld, das nicht von den Bildern, Diskursen, Symbolen und der Ästhetik des Rap durchdrungen und auf die ein oder andere Weise durch Rap mitgeformt wurde. Innerhalb der letzten vier Jahrzehnte hat sich die ehemalige Sub- und Jugendkultur zu einer postdigitalen und generationsübergreifenden Mainstream-Kultur entwickelt, die von Akteur*innen mit unterschiedlichsten sozialen, kulturellen und biografischen Hintergründen frequentiert und getragen wird. Aber auch in puncto geschlechtlicher und sexueller Vielfalt hat sich in der als toxisch-männlich verrufenen Szene innerhalb der letzten Jahre einiges getan: Ob “Bitchsm”, “Fotzenrap” oder explizit queere Inszenierungen von Sexualität und Begehren – was bereits Künstlerinnen wie Lady Bitch Ray oder SXTN auf unterschiedliche Weise praktizierten, erfährt mit Acts wie Ikkimel, Mariybu oder Baran Kok – ein offen schwuler kurdischer Rapper – eine neue Dimension öffentlicher Sichtbarkeit. Wie weit sexualisierte Provokationen inzwischen in den gesellschaftlichen Mainstream hineinreichen, zeigt nicht zuletzt “Mama Ikkis” aufsehenerregender Auftritt im ZDF-Morgenmagazin.

Parallel zu solchen Liberalisierungsprozessen, die immer häufiger auch alternative Männlichkeitsinszenierungen bis hin zu -kritik umfassen, bleibt die Musik- und eben auch die Rapindustrie weiterhin stark männlich dominiert. Anders gesagt: Deutschlands meistgestreamte Artists sind nicht nur größtenteils dem Rap-Genre zuzuordnen, sie sind vor allem männlich und im Hinblick auf Gender-Fragen nicht zwangsläufig für allzu progressive Ansichten bekannt. Im Gegenteil. Abfällige Bezeichnungen gegenüber Frauen, degradierende Bildsprache bis hin zu Vergewaltigungsphantasien gehören seit vielen Jahren zum Standardrepertoire des Erfolgsgenres. Spätestens die #deutschrapmetoo-Kampagne aus dem Jahr 2021 hat darüber hinaus gezeigt, dass misogyne Weltbilder nicht etwa genre-immanent und auf das Diskursuniversum Rap beschränkt sind. Im Rap spiegeln sich seit jeher gesamtgesellschaftliche Verhältnisse. Die erfolgreiche Musikkultur bildet einen zentralen sozialen Ort, an dem (nicht nur, aber vor allem junge) Menschen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität aushandeln. Das Spannungsfeld erstreckt sich dabei von “toxischen”, d. h. autoritär-aggressiven Formen von Männlichkeit, bis hin zum subversiven queerfeministischen “Fotzenrap”, der mit traditionellen Anforderungen an Weiblichkeit dezidiert bricht und heteronormative hegemoniale Männlichkeit explizit herausfordert. Wie in der Gesamtgesellschaft auch steht das Geschlechterverhältnis im Rap derzeit unter einer nie dagewesenen Spannung. Es ist gekennzeichnet von Ambivalenzen, Brüchen, aber auch Kontinuitäten und Regression. Mit dem Sammelband Rap & Geschlecht II soll diese Bandbreite eingefangen werden.

Rap & Geschlecht II versteht sich als Nachfolge des Sammelbandes “Rap & Geschlecht. Inszenierungen von Geschlecht in Deutschlands beliebtester Musikkultur”, der 2021 in der Reihe “HipHop Studies” bei Beltz Juventa erschien (Süß 2021). Der Band stellte den Versuch dar, die zuvor über unterschiedliche Publikationskontexte verstreuten Perspektiven der inter- und transdisziplinären deutschen HipHop Gender Studies systematisch zu versammeln. Bereits 2021 bildete eine intersektionale Betrachtungsweise eine wichtige Klammer der Beiträge, Männlichkeitskonstruktionen, die sich Empowerment, unter anderem transnationalen Weiblichkeits- Perspektiven und und pädagogischer Praxis widmeten. Wie oben skizziert, haben sich jedoch sowohl die hiesige Rap-Landschaft und ihre medialen Bedingungen als auch gesellschaftliche Debatten um Geschlecht, Diversität, Körper, Sexualität und Intersektionalität seither maßgeblich weiterentwickelt (vgl. z.B. Berlich 2022; Braune 2022; Güngör/Loh 2024; Osman 2024; Süß/Dietrich 2022; Süß 2024, 2026; Riggert 2025; Yesilbas/Witte 2025; Süß/Frost 2026).

Insbesondere seit der zweiten Hälfte der 2010er Jahre haben Rapperinnen sowie queere, nicht-binäre und rassifizierte Akteur*innen im deutschsprachigen Rap eine nie da gewesene Sichtbarkeit erlangt. Die anhaltende Pluralisierung von Geschlechtsentwürfen verweist inzwischen auf eine breite Palette an Darstellungs- und Inszenierungsformen: Neben weiterhin wirkmächtigen hypermaskulinen und heteronormativen (Inszenierungs-)Konzepten treten Diskurse um Mental Health, Verletzlichkeit, Emotionalität, Care oder Vaterschaft; zudem werden sexpositive, hyperfeminine, androgyne, queere oder nicht-binäre Selbstentwürfe sichtbarer. Es wäre jedoch verkürzt, dergleichen Entwicklungen als linearen Fortschritt zu beschreiben. Vielmehr überlagern sich Kontinuitäten und Transformationen, stehen progressiven Entwicklungen gegenläufige Trends gegenüber. So werden im Rap der 2020er Jahre unaufhörlich Geschlechterordnungen reproduziert, angeeignet, verschoben und stellenweise destabilisiert. Gerade die Frage, ob etwa sexpositive, hyperfeminine oder provokative Selbstinszenierungen à la Ikkimel als Empowerment, Resignifikation, Vermarktungsstrategie oder Reproduktion bestehender Machtverhältnisse zu lesen sind, bleibt Gegenstand kontroverser medialer wie wissenschaftlicher Aushandlungen (vgl. Berlich 2022; Braune 2022; Breite 2023; Heimböckel 2025; Machulla 2023; Yesilbas/Witte 2025). Die gegenwärtigen Transformationen der Geschlechterverhältnisse im Rap erschöpfen sich jedoch keineswegs in öffentlichkeitswirksamen Provokationen oder der Aneignung sexualisierter Zuschreibungen. Sie zeigen sich ebenso in neuen Formen queerfeministischer und intersektionaler Positionierung, solidarischer Vernetzung, kollektiver Selbstorganisation und der Schaffung eigener Infrastrukturen (vgl. Gaiser 2025; Kehrer 2022; Riggert 2025; Rotter 2026; Süß 2022; Weskott 2026). Damit geraten neben der Frage der Repräsentation auch die Macht- und Produktionsverhältnisse innerhalb der Rap-Szene verstärkt in den Blick. Zudem haben Digitalisierung, Streaming und soziale Medien die Bedingungen verändert, unter denen Geschlecht popkulturell bzw. spezifisch im Rap produziert, inszeniert und rezipiert wird. Sichtbarkeit und (ökonomischer) Erfolg werden heute zunehmend über Plattformen, Streams, Likes und eben algorithmische Logiken vermittelt. Gleichzeitig eröffnen digitale Öffentlichkeiten neue Möglichkeiten der Selbstinszenierung, Vergemeinschaftung und Intervention, während sie bestehende Ungleichheiten ebenso reproduzieren und neue Formen von Sexismus, Hate Speech oder Belästigung hervorbringen können. Fragen nach Rap und Geschlecht betreffen damit nicht allein Lyrics, Musikvideos oder Bühnenperformances, sondern ebenso Produktionsbedingungen, digitale Öffentlichkeiten, Fankulturen und Formen kultureller Teilhabe.

Mit Rap & Geschlecht II möchten wir diese Debatten einfangen, weiterführen, aktualisieren und kritisch weiterdenken. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Geschlechterverhältnisse im deutschsprachigen Rap gegenwärtig darstellen, verändern und neu formieren. Welche Bedeutung haben die gestiegene Sichtbarkeit von Rapperinnen, feministische und queere Positionierungen, neue Formen digitaler Selbstinszenierung oder veränderte Vorstellungen von Männlichkeit? Welche Macht- und Ausschlussverhältnisse bleiben bestehen? Und inwiefern verändert sich die Geschlechterordnung der Szene tatsächlich – jenseits medialer Narrative von „Empowerment“ und „Progressivität“?

Dabei liegt auch R&G II ein intersektionales Verständnis von Geschlecht zugrunde. Geschlecht wird nicht als isolierte Kategorie betrachtet, sondern soll in seinen Verschränkungen mit race und class, aber auch bislang unterbelichteten Kategorien wie Alter, (dis)ability oder Religion gedacht werden. Der Sammelband versteht Rap damit als permanent umkämpften kulturellen Raum, in dem Geschlechterverhältnisse zugleich reproduziert, verhandelt und transformiert werden. Gesucht werden deshalb insbesondere Beiträge, die etablierte Dichotomien – etwa „sexistischer Rap“ versus „emanzipatorischer Rap“ oder „männlicher“ versus „weiblicher“ Rap – kritisch hinterfragen und die Ambivalenzen rapkultureller Geschlechterverhältnisse und -inszenierungen sichtbar machen.

Mögliche Themenfelder Beiträge können sich unter anderem mit folgenden Fragen beschäftigen:

  • Geschlechterkonstruktionen, -verhältnisse und -performances

  • Intersektionale Perspektiven, Macht- und Ausschlussverhältnisse:

  • Digitale Öffentlichkeiten, Sichtbarkeit und Rezeption

  • Strukturen, Institutionen und gesellschaftliche Aushandlungen

  • Historische, generationale und vergleichende Perspektiven

Der Call richtet sich an Theoretiker*innen, Empiriker*innen und Praktiker*innen. Wir möchten zur Einreichung solcher Beiträge ermutigen, die sich im engeren oder weiteren Sinne auf die oben skizzierten thematischen Schwerpunkte und Fragestellungen beziehen, sich innerhalb dieser verorten lassen und/oder daran anknüpfen. Die Inter- sowie Transdisziplinarität des Feldes der HipHop-Studies im Blick behaltend, laden wir zur Einreichung von Beiträgen unterschiedlicher Fachdisziplinen ein. Besonders willkommen sind Artikel aus bislang im HipHop-Diskurs unterrepräsentierten Disziplinen und Forschungsfeldern, wie beispielsweise Altersforschung, Disability Studies, Affect Studies oder Science and Technology Studies.

Die Abstracts im Umfang von max. zwei Seiten (exkl. Literaturverzeichnis höchstens 3.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) sollten Name, Fachrichtung, Position und E-Mail-Adresse der Person sowie einen vorläufigen Arbeitstitel des Beitrags enthalten. Bitte senden Sie die Abstracts als PDF bis zum 15. Dezember 2026 an rapundgeschlecht2[at]gmail[dot]com.

Eine Rückmeldung zu Ihrem Beitrag erhalten Sie bis zum 15. Januar 2027. Die fertigen Beiträge erwarten wir zum 30. April 2027. Die Veröffentlichung des Bandes in der Reihe “HipHop Studies” bei Beltz Juventa ist für Herbst/Winter 2027 geplant.

Herausgeberinnen:

Prof. Dr. Heidi Süß (Berliner Institut für Popkultur- und Rap-Forschung; International University of Applied Sciences Braunschweig) Penelope Braune (Humboldt-Universität zu Berlin; Universität Bern)

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