CfP: Public Musicology, Wissenschaftskommunikation und Gender; Deadline: 15.12.2026

Call for Papers

Public Musicology, Wissenschaftskommunikation und Gender

hrsg. von Maren Bagge, Anna Magdalena Bredenbach, Christine Fornoff-Petrowski, Anna Ricke und Nicole K. Strohmann

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Wissenschaftskommunikation hat sich zu einem zentralen Thema des Wissenschaftsbetriebs entwickelt – und doch sind in den Geisteswissenschaften, und insbesondere in der Musikwissenschaft, bislang systematische Reflexionen dieses Praxisfelds rar. Dabei operiert das Fach unter hochspezifischen Bedingungen: Musikwissenschaftliche Forschung bewegt sich per se im Zusammenspiel mit einem Gegenstand, der eine genuine Sinnes- und Klangdimension besitzt. Diese ästhetische und emotionale Unmittelbarkeit bietet zwar enorme Potenziale für die Vermittlung, birgt aber auch eine besondere strukturelle Komplexität: Sie trifft auf ein breites Feld vorinformierter, oft hochgradig identifikatorischer Öffentlichkeiten – vom Pop-Fandom bis zum klassischen Bildungsbürgertum.

Vor diesem Hintergrund hat sich im angloamerikanischen Raum der Begriff der Public Musicology etabliert, der die Öffnung des Faches hin zu diversen Publika theoretisch wie praktisch reflektiert. Public Musicology umfasst dabei nicht nur die Kommunikation musikwissenschaftlicher Forschungsprozesse, Methoden und Erkenntnisse, sondern ebenso dialogische, partizipative, kuratorische und interventionistische Formen musikwissenschaftlicher Praxis in und mit Öffentlichkeit. Im deutschsprachigen Raum bewegt sich musikbezogene Wissenschaftskommunikation jedoch meist in einem fluiden, oft unhinterfragten Spannungsfeld zwischen akademischer Expertise, Musikkritik, Musikvermittlung und aktivistischen Impulsen. Dabei bleibt häufig unklar, ob es um die Vermittlung von Musik und musikbezogenem Wissen oder aber um die Kommunikation spezifisch musikwissenschaftlicher Forschungsprozesse, Methoden und Erkenntnisse geht. Musikwissenschaftliche Erkenntnisse gelangen zwar über zahlreiche Formate in die Öffentlichkeit, werden dort jedoch häufig von den zugrunde liegenden Forschungsprozessen und ihren Urheber*innen entkoppelt.

Zudem sind musikbezogene Wissenschaftskommunikation und Public Musicology mit einem historisch tief verwurzelten Kanon konfrontiert, dessen Herausforderung durch gender- und diversitätskritische Perspektiven selbst Teil musikwissenschaftlicher Genderforschung ist. Beide Praxisfelder sind dabei keineswegs neutral. Vielmehr sind sie geprägt durch ungleiche Sichtbarkeiten, asymmetrische Sprechpositionen und Ausschlüsse, die sich in Formaten, Kanälen und Institutionen eingeschrieben haben. Wer als musikwissenschaftliche*r Expert*in gilt, wessen Wissen popularisiert und wessen Forschung marginalisiert wird – all das sind nicht zuletzt Genderfragen. Vor diesem Hintergrund erscheint Wissenschaftskommunikation nicht als bloße, nachgelagerte „Übersetzung“ oder Popularisierung von Forschung, sondern als komplexes, machtvoll strukturiertes Gefüge, das Kernfragen der Wissensproduktion, Autor*innenschaft, Legitimität und Öffentlichkeit/Sichtbarkeit berührt.

Dieser Band fragt daher: Wie wird musikwissenschaftliches Wissen öffentlich produziert, kommuniziert und ausgehandelt – und wie durchzieht die analytische Kategorie Gender dieses Praxisfeld? Welche Formate, Kanäle und Sprachen stehen zur Verfügung – und wem? Welche Stimmen gelten als glaubwürdig, welche als „zu persönlich“, „zu aktivistisch“, „zu laut“? Wie kann Wissenschaftskommunikation anschauliche und einprägsame Geschichten erzählen, ohne komplexe historische Zusammenhänge zu vereinfachen oder in Heroisierungs- und Opfererzählungen zu verfallen? Wie kann sie marginalisierte Akteur*innen sichtbar machen, ohne sie als Sonderfälle zu markieren oder stereotype Ordnungen zu stabilisieren? Inwiefern reproduziert oder transformiert Wissenschaftskommunikation bestehende Geschlechterverhältnisse im Fach?

Wir laden zu Beiträgen zum Themenfeld Public Musicology, Wissenschaftskommunikation und Gender ein, die sich beispielsweise mit folgenden Themenbereichen auseinandersetzen können:

  • Begriffsklärung und Theoriebildung: Was ist Wissenschaftskommunikation in der Musikwissenschaft, wie verhält sie sich zu verwandten Feldern wie Musikvermittlung, Musikkritik oder Public Musicology, und wie lassen sich diese Felder aus gendertheoretischer Perspektive konzeptionalisieren?

  • Sichtbarkeit und Sprechpositionen: Wer gilt als Expert*in, wer wird in welchen Formaten sichtbar, wer moderiert, wer fragt und welche Rolle spielen dabei Geschlecht, Intersektionalität und institutionelle Macht?

  • Musikgeschichtsschreibung und Kanonkritik: Wie wird musikhistorisches Wissen für nicht-akademische Publika aufbereitet und welche gender-kritischen Potentiale werden genutzt oder verspielt?

  • Globale Asymmetrien und Dekolonisierung: Wer verfügt über die Infrastrukturen und Ressourcen globaler Wissenschaftskommunikation? Wie und unter welchen Bedingungen wird musikwissenschaftliche Forschung z.B. aus dem Globalen Süden im primär westlich geprägten Diskurs sichtbar gemacht (oder marginalisiert), und wie überschneiden sich hier postkoloniale Machtstrukturen mit Genderdimensionen?

  • Institutionen, Arbeit und Care: Ob Wissenschaftsjournalismus, Ausstellungen, Dokumentarfilm, Konzertprogramme oder die alltägliche Pflege von Social-Media-Kanälen und digitalen Profilen – wer leistet diese zeit- und ressourcenintensive Vermittlungsarbeit unter welchen (prekären) Bedingungen? Wie wird dieser Aufwand an Sichtbarkeit institutionell bewertet (oder ignoriert) und inwiefern ist diese Arbeit geschlechtsspezifisch ungleich verteilt?

  • Digitale Öffentlichkeiten: Social Media, Podcasts, Video-Essays, digitale Editionen, Datenvisualisierungen, digitale Ausstellungen und andere Formen der Digital Humanities. Wie verändern (neue) Medien und Formate die Bedingungen musikwissenschaftlicher Kommunikation, und wie verschieben (oder verfestigen) sie dabei Genderungleichheiten?

  • KI und algorithmische Öffentlichkeiten: Wie verändern KI-Tools und Empfehlungsalgorithmen die Narration von Wissen sowie die (Un-)Sichtbarkeit von Wissensakteur*innen und Publikationen, und welche Genderdimensionen gehen mit diesen Mechanismen einher?

Wir begrüßen Beiträge, die theoretische Reflexion und konkrete Fallbeispiele zusammenbringen. Erwünscht sind Beiträge, die konkrete Praxisfelder mit grundsätzlichen epistemologischen und gendertheoretischen Fragestellungen verbinden. Analytisch gerahmte Projektvorstellungen mit epistemologischem Mehrwert sind ebenso willkommen wie klassische Aufsätze. Begrüßt werden zudem Tandem- oder Respondenz-Formate, in denen Praxisperspektive und wissenschaftliche Reflexion zusammengebracht werden – etwa wenn Wissenschaftskommunikator*innen und Forschende gemeinsam über ein Praxisfeld nachdenken.

Wir bitten um Einsendung eines Abstracts von ca. 300 Wörtern sowie einer Kurzbiografie (Fließtext, ca. 150 Wörter) bis zum 15.12.2026 an Anna Ricke (anna.ricke[at]hfmt-koeln[dot]de). Eine Rückmeldung über die Annahme der Beitragsvorschläge erfolgt bis Januar 2027. Die ausformulierten Texte sollen bis spätestens zum 30.6.2027 eingegangen sein. Beiträge können in deutscher oder englischer Sprache verfasst werden. Der Band erscheint in einem etablierten Publikationsorgan für musikwissenschaftliche Gender Studies, das wissenschaftliche Qualitätssicherung (Peer Review) und breite Sichtbarkeit durch Open Access bietet.

CFP, NewsHelene Heuser