CfC: »Über die Mauer – Populäre Musik in und zwischen West- und Ostdeutschland«, Jahrbuch „Lied und Populäre Kultur“, ZPKM Freiburg (Deadline: 1.07.2026)

Die Forschung zur Deutschen Demokratischen Republik im Allgemeinen und deren Musikgeschichte im Speziellen hat in den letzten 30 Jahren eine reiche Vielfalt an Ergebnissen zu Tage gebracht. Dennoch gibt es immer noch einige Leerstellen und blinde Flecke, was die populäre Musik im Osten betrifft. Im Themenschwerpunkt für den Jahrgang 72 (2027) möchten wir die Interaktion zwischen Ost- und Westdeutschland im Bereich der populären Musik in den Fokus nehmen. Bei den Untersuchungsgegenständen gehen wir von einem erweiterten Verständnis von populärer Musik aus: Alle populären Genres und Subgenres wie Schlager, Beat, Pop, Blues, Swing, Jazz, Rock, Country, Metal, Punk sowie Volksmusik und volkstümliche Musik sollen einbezogen werden. Der historische Zeitraum erstreckt sich dabei vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Jahrtausendwende: Von den westalliierten Besatzungszonen und der Sowjetisch Besetzten Zone über die verschiedenen Phasen des Kalten Kriegs (Gründung der DDR, die verschiedenen Episoden der Abschottung und den Mauerfall) bis zur Nachwendezeit.

Die Grenze zwischen den Systemen erweist sich bei näherer Betrachtung als durchlässig. So wanderten neben den Menschen auch kulturelle und künstlerische Erzeugnisse wie Lieder und Songs, Schallplatten und Masterbänder, finanzielle Mittel, aber auch Geheimdienstinformationen von West nach Ost und andersherum. Im Jahrbuch soll gefragt werden, wie hoch oder löchrig „die Mauer“ tatsächlich war, d.h. welche rechtlichen, polizeilichen und behördlichen Mechanismen wirkten, um den Transfer von diesen Waren, Werten und Informationen zu fördern und zu regulieren, und wie sie sich auf das Leben der Künstler*innen und ihre Arbeit auswirkten.

In der Forschung über populäre Musik in der DDR werden die Musikgenres Rock, Blues, Pop und Punk sowie ihre Musikszenen oft als Gegenkulturen und Ausdruck von politischer Dissidenz verstanden. Dies ist sicher den offensichtlichen staatlichen Repressionen geschuldet, welche diese Szenen erfahren haben und die notwendigerweise historisch aufgearbeitet werden müssen. Im Kontrast dazu wird die Tanz- und Unterhaltungsmusik in der DDR weniger betrachtet, vielleicht, weil sie oft als ein Ausdruck von konformer „Staatskunst“ verstanden wird. Doch gerade hier lohnt sich ein genauer Blick auf die Unterschiede und Ähnlichkeiten dieser „sozialistischen“Musikindustrie zu westlichen Produktionsweisen. Genres wie die Volksmusik oder der Schlager, Einzelheiten der populären Musikproduktion im Rundfunk oder im VEB Deutsche Schallplatten, aber auch tatsächlich politische oder politisierte Genres wie die sogenannten Pionierlieder, harren noch ihrer Aufarbeitung seitens der Geschichts-, Kultur- und Musikwissenschaften.

West und Ost können als Orientierungen und Bewegungsrichtungen verstanden werden. So haben viele Künstler*innen populärer Musik beider Seiten einen „Blick über die Mauer“ gewagt, und die erahnten oder konkret erfahrenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den politischen Systemen und kulturellen Gesellschaften musikalisch dokumentiert.

Weiterhin sehen wir Potential in der Erörterung folgender Themen: Urheber- und Nutzungsrechte, Abhängigkeitsverhältnisse in musikwirtschaftlicher Hinsicht, Musikausbildung und das Studium populärer Musik, der Musikinstrumentenbau im Osten und sein Verhältnis zum Westen und seiner Industrie, Masterbänder und Studioaufnahmen als Devisen, Musikbibliotheken und Archive als wichtige Medienangebote im sozialistischen Mangelsystem, Auftritte von Oststars im West-Fernsehen und andersherum, geheimdienstliche Operationen und Infiltrationen in den Szenen populärer Musik auf beiden Seiten, Kulturdiplomatie auf und hinter der Bühne.

Der Blick auf die DDR ist immer auch von der Nachwendezeit geprägt. Mit dem Fall der Mauer und der Eingliederung der Neuen Bundesländer geht ein politischer und gesellschaftlicher Bruch einher, der vieles von dem, was in der DDR kulturell und künstlerisch erreicht wurde, in eine direkte Konkurrenzsituation mit dem „Westen“ brachte, oft auch mit dem Ergebnis, dass vieles überschrieben, umgedeutet und neu interpretiert wurde. Der Bandschwerpunkt soll daher mit dem eigentlichen Mauerfall nicht stehen bleiben, sondern die Nachwendezeit ebenfalls berücksichtigen und Wettbewerbs- und Fortschrittsnarrative, aber auch Narrative der Alterität (bspw. „Ostalgie“) und Selbst- und Fremdbilder thematisieren.

Mögliche Untersuchungsfelder sind:

* Künstler*innen, die in beide Richtungen ins Exil gegangen sind

* West- und Ost-Tourneen als politische Instrumente und künstlerische Aussagen

* Künstlerische Akteur*innen hinter der Bühne, am Mischpult und im Management

* Austausch zwischen musikalischen Genres und Szenen zwischen Ost und West

* Kollaborationen zwischen Musiker*innen aus West und Ost

* Geldflüsse, Rechtsfragen, Geschäftsreisen – Wirtschaftlicher Austausch zwischen den Systemen

* Audiomedien auf dem Weg von West nach Ost

* Infiltrationsversuche von Szenen populärer Musik durch die Stasi und den Bundesnachrichtendienst bzw. Organisation Gehlen

* „Überholen ohne einzuholen“ – Narrative des Fortschritts und der Konkurrenz in der Politik über populäre Musik

* Biographische Sinnstiftung von Akteur*innen der populären Musik im Spannungsfeld von Ost und West* Himmelsrichtungen als symbolische Marker in Songs

* West-Berlin als westdeutscher Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort (in Songs und realiter)

* „Ey, Honni“ – Akteur*innen und Wege der Kulturdiplomatie zwischen Ost und West

* Musiker*innen als Wanderer zwischen den Welten

* Die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer in populärer Musik als Staatsgrenze, „Schandmauer“ und „antifaschistischer Schutzwall“

Wir streben im Jahrbuch Methodenvielfalt an; historische Betrachtungen können neben Ergebnissen empirischer Forschung Platz finden, die philosophische Auseinandersetzung darf neben der ökonomischen Analyse stehen. Die Gegenstände und Forschungsfragen können aus der Liedforschung stammen, den Popular Music Studies, der Literaturwissenschaft, der Kunstgeschichte, der Musikwissenschaft, der Musikwirtschaftsforschung, der Medienwissenschaft, der Theater- und Musiktheaterforschung, dem Archivwesen, der Soziologie, der Pädagogik, der Technikforschung, der Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie, der Geschlechterforschung, der Minderheiten-Forschung sowie anderen Fächern und Fachbereichen.
Wir bitten um die Einsendung eines Abstracts von nicht mehr als 2.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sowie eines kurzen akademischen Lebenslaufs bis spätestens 1. Juli 2026. Bis Ende Juli erhalten Sie Rückmeldung über die Annahme ihres Beitragsvorschlags. Die ausformulierten Beiträge sollten 35.000 bis 50.000 Zeichen umfassen und spätestens zum 1. Februar 2027 eingegangen sein. Bitte senden Sie die Abstracts sowie Anfragen an Knut Holtsträter (jahrbuch[at]zpkm[dot]uni-freiburg[dot]de). Beiträge können in deutscher oder englischer Sprache verfasst werden.

Zum Jahrbuch

Das Jahrbuch des Zentrums für Populäre Kultur und Musik versammelt Beiträge zum Forschungsfeld Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture. Es geht auf das 1928 von John Meier begründete Jahrbuch für Volksliedforschung zurück. Das Jahrbuch enthält neben den Beiträgen auch einen Rezensionsteil, der die aktuellen wissenschaftlichen Diskurse der im Jahrbuch vertretenen Disziplinen und Forschungsbereiche abzubilden versucht. Herausgegeben wird der 72. Jahrgang von Simon Bretschneider (Lippmann+Rau-Archiv Eisenach) und Knut Holtsträter (Universität Freiburg) im Auftrag des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg (www.zpkm.uni-freiburg.de).

Nähere Informationen finden sich hier.

CFP, NewsHelene Heuser